Klänge in der Pädagogik?
Ein Beitrag von Dr. Christina Koller
Obertonreiche Instrumente wie Klangschale, Gong, Didgeridoo oder Monochord finden etwa seit den 60er Jahren vermehrtes Interesse und werden in den Bereichen Wellness, Medizin, Therapie und Pädagogik verwendet.
Im Rahmen meiner Dissertation mit dem Titel - Der Einsatz von Klängen in pädagogischen Arbeitsfeldern. Dargestellt am Beispiel der Klangpädagogik nach Peter Hess - gehe ich unter anderem der Frage nach, inwiefern der Einsatz von Klängen für den pädagogischen Bereich sinnvoll scheint und beleuchte die neu entstehende Praxis des Einsatzes von Klängen in pädagogischen Arbeitsfeldern exemplarisch anhand der Klangpädagogik nach Peter Hess®.
Der Einsatz von Klängen im pädagogischen Kontext mag auf den ersten Blick etwas exotisch anmuten, betrachtet man aber die Geschichte der Menschheit, wird schnell klar, dass die menschliche Kultur schon immer eng mit Musik, mit Klängen verbunden war. Klänge bzw. Musik werden in vielen Kulturen als Ur-Essenz von Kosmos und Leben betrachtet. Sie sind Inhalt zahlreicher Schöpfungsmythen, wonach der Anfang der Welt mit einem akustisch vernehmbaren Geschehen hervorgeht, wie einem Aushauchen, Singen, Donnern, Reden oder ähnlichem. So berichten Spintge und Droh in „MusikMedizin" (1992) beispielsweise davon, dass im indischen Mythos „Der Gott Shiwa Nataraja, als Herr des Tanzes, ein pulsierendes Tönen durch die unbelebte Materie gesandt und diese so zum Leben erweckt" hat. Im Hinduismus heißt es „Nada Brahma", was übersetzt werden kann mit „die Welt ist Klang": Musik, Klänge und Rhythmen erfüllten und erfüllen in fast allen Kulturen der Welt bestimmte Funktionen. Musik diente in vielen Kulturen dem Erhalt der kosmischen Ordnung und wurde im Rahmen von Heilungszeremonien verwendet. Funde von Felsmalereien aus Zimbabwe weisen darauf hin, dass Musik bereits vor mehr als 26.000 Jahren therapeutisch eingesetzt wurde. Ägyptische Priesterärzte benutzten etwa 4.000 vor Christus Beschwörungsmusik im Rahmen der Krankenbehandlung, und in der griechischen Antike vertrat Plato die Vorstellung, dass Melodie und Rhythmus die innere Ordnung und Harmonie der Seele wieder herstellen können. Die Pythagoräer erkannten zwischen Musik, Zahl und Kosmos eine Wesenseinheit. Die Idee der Sphärenmusik war die Krönung ihrer Weltanschauung. Johannes Kepler greift diese Idee in seiner „Weltharmonik" (1619) wieder auf und beschreibt Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Musik. Der als Novalis bekannte Friedrich von Hardenberg schildert sein Verständnis von Krankheit bzw. Gesundheit als ein Musikalisches, wenn er sagt:
„Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung."
Klang ist neben Rhythmus und Melodie ein Grundelement der Musik, ist also noch vor dem Entstehen von Musik anzusiedeln. Insofern kann der Einsatz von Klängen im Vergleich zu Musik auch als ursprünglicher verstanden werden. Rein physikalisch betrachtet ist ein Klang eine Schwingung, ein akustisches Signal, das durch den Schall übertragen wird. Jedoch ist nicht jede Schwingung als Klang zu bezeichnen. Je nach Frequenzgemisch wird zwischen einem Ton und einem Rauschen, also einem Geräusch, unterschieden. Sprechen wir von einem Ton, so liegt eine geordnete Wellenstruktur vor, wohingegen diese bei einem Geräusch ungeordnet ist. Ein musikalischer Ton, also ein Klang, besteht wiederum aus einem Grundton und verschiedenen Obertönen. Am Beispiel einer Gitarrensaite lässt sich das Phänomen der Obertöne gut veranschaulichen: Bringt man die Saite in ihrer ganzen Länge zum Klingen, erklingt der Grundton. Neben diesem erklingt aber auch der Ton, der entstehen würde, wenn man die Saite genau halbieren würde. Ferner die Töne, die entstünden, wenn man sie dritteln, vierteln usw. würde. Bei jedem Geräusch und bei jedem Klang schwingen immer Grundton und Obertöne. Wenn wir von Klang sprechen, schwingen die Obertöne jedoch in einem ganzzahligen Vielfachen zum Grundton, sie schwingen harmonisch zueinander. Die Obertöne bestimmen die Klangfarbe eines Instrumentes. Die abendländische Kunst des Instrumentenbaus ist sehr grundtonbetont. Bei einer Geige oder einem Klavier sind die Obertöne nicht einzeln zu hören, im Gegensatz zu Instrumenten wie zum Beispiel der indischen Sitar oder den asiatischen Gongs, bei denen die Obertöne deutlich zu vernehmen sind. Klänge der Natur, wie das Rauschen eines Baches, das Säuseln des Windes oder das Tosen des Meeres sind stark obertonreich, daher werden die Obertöne oft auch als Naturtöne bezeichnet.
Wie Eingangs gesagt, findet der Einsatz obertonreicher Instrumente seit einigen Jahren vermehrte Aufmerksamkeit in verschiedensten Bereichen. Die Wirkung von Klängen ist immer sehr komplex. Wir nehmen Klänge über unsere Ohren, aber auch über unseren Körper war, denn die physikalische Schwingung eines Klanges berührt unsere gesamte Körperoberfläche. Es ist also einmal der musikalische Klangeindruck und andererseits die spürbare Schwingung, die auf den Menschen einwirkt.
Die Wirkung von Klängen beruht physikalisch gesehen auf Schwingungs- und Resonanzverhältnissen in der Natur und im Menschen. Der Begriff der Resonanz kommt vom lateinischen „Sonare", was so viel bedeutet, wie klingen. Als grundlegendes physikalisches Phänomen beschreibt Resonanz, dass Schwingungen miteinander in Wechselwirkung treten und sich überlagern. Dabei können sich aufeinander treffenden Schwingungen entweder gegenseitig anregen und verstärken oder sich abschwächen und auslöschen. Friedrich Cramer, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen, sagt in seinem Buch „Symphonie des Lebendigen" (1998): „Resonanz ist das, was die Welt im Innersten zusammenhält" und knüpft mit seiner Weltresonanztheorie' an eine alte Tradition an.
Die Schwingungen von Klängen und Geräuschen, von denen wir permanent umgeben sind, stehen über das Phänomen der Resonanz in ständiger Wechselwirkung zu unseren körpereigenen Rhythmen und Klängen. Alexander Lauterwasser beschreibt in seinem Buch „Wasser Klang Bilder" (2003) sehr anschaulich, dass Resonanzphänomene jedoch weit über die physikalische Resonanz hinausgehen:
„Nicht die äußerliche, sondern diese Berührung von innen her, die meine ganze Bereitschaft zur mich einstimmenden Hingabe erfordert, das meint Resonanz. Sprechen wir nicht auch umgangssprachlich davon, dass etwas, auf gute Resonanz gestoßen ist oder ein großes Echo und damit An-Klang gefunden hat, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass es ,angekommen' ist, einen wirklich erreicht, berührt und schließlich etwas bewegt und ausgelöst hat und nicht einfach ‚sang und klanglos' vorüber gezogen ist?"
In der Dissertation versuchte ich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zum Einsatz von Klängen zu geben. Neben einem historischen Abriss und Informationen zu den Instrumenten Klangschalen, Gongs und Zimbeln werden verschiedene Annahmen zur Wirkung von Klängen sowie unterschiedliche Anwendungsbereiche aufgezeigt. Es ist erfreulich, dass es immer mehr schriftlich festgehaltene Erfahrungen aus der Praxis des Einsatzes von Klängen und ihrer Wirkung gibt, jedoch stehen wissenschaftliche Nachweise weitestgehend noch aus.
Es lassen sich aus der Literatur verschiedene Annahmen zur Wirkung von Klängen zusammenfassen, die zur Vereinfachung in die Wirkung auf körperliche, neuronale, psychologisch-emotionale sowie spirituell-energetische Ebene unterschieden werden können. Diese Unterteilung ist jedoch nur theoretisch zu verstehen, da sich die Wirkungen auf den verschiedenen Ebenen immer gegenseitig beeinflussen.
Auf körperlicher Ebene wirken Klänge über den Hör- und Tastsinn. Klänge können entspannend, stress- und angstreduzierend wirken und so das natürliche Harmonisierungsbestreben des Organismus unterstützen. Damit können sich Klänge positiv auf die Mobilisierung der Selbstheilungskräfte auswirken. In diesem Sinne ist der Einsatz von Klängen auch als Prävention zu verstehen. Ferner stimulieren Klänge über den vibrationalen Reiz Körper und Gehirn. Diese Wirkungen werden vor allem innerhalb der MusikMedizin, zum Beispiel in der Anästhesie und Schmerztherapie, genutzt.
Auf neuronaler Ebene können Klänge gezielt zur Beeinflussung der Gehirnwellen Frequenz eingesetzt werden, so dass Entspannungszustände induziert werden können. Sie rufen neurophysiologische Reaktionen hervor, wie die Ausschüttung von Neurotransmittern. Sie können die Reorganisation bzw. Neuvernetzung neuronaler Verbindungen anregen, was beispielsweise in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten erfolgreich zum Einsatz kommt. Auf psychologisch-emotionaler Ebene sprechen Klänge über das Limbische System direkt Emotionen an, ohne von der Ratio zensiert zu werden. Daher sind Klänge hervorragend als nonverbales Kommunikations- und Ausdrucksmittel einsetzbar. Die Klänge obertonreicher Instrumente, wie beispielsweise von Klangschalen und Gongs, werden von verschiedenen Autoren, unter anderem von Monika Renz („Zwischen Urangst und Urvertrauen", 1996) in Zusammenhang mit der intrauterinen Klangwelt, also mit dem Erleben in der Pränatalzeit gebracht. Renz verwendet in diesem Zusammenhang auch den Begriff des „Urvertrauens" als früheste Ur-Erfahrung menschlichen Seins, an die über Klänge angeknüpft werden kann. Klänge können zudem das Entstehen emotionaler Resonanz begünstigen - als Grundlage zwischenmenschlicher Beziehungen. Darüber hinaus können sie veränderte Wachbewusstseinszustände induzieren und damit Zugang zu ungenutzten Ressourcen ermöglichen. Es gibt verschiedene musiktherapeutische Konzepte, die auf diesen Wirkungen basieren. Auch im vortherapeutischen, beratenden Bereich wird dieses Wissen gezielt genutzt, so auch in der Klangpädagogik nach Peter Hess. Die Wirkung von Klängen auf energetisch-spiritueller Ebene entzieht sich der wissenschaftlichen Betrachtungsweise, soll aber der Vollständigkeit halber hier mit einbezogen werden. Klänge können ausgleichend auf Aura, Chakren und Meridiansystem wirken. Gerade im Ayurveda oder der Chinesischen Medizin findet dieses Wissen seit Jahrtausenden Anwendung. In vielen Religionen der Welt stehen Klänge und Musik eng mit Erleuchtungserlebnissen in Verbindung. Klänge regen zum Hören, Zuhören und Lauschen an - zum Hören nach innen! Die Literaturarbeit meiner Dissertation, aus der hier ein kleiner Ausschnitt gegeben wurde, erhärtet die Annahme, dass es sinnvoll ist, Klänge in pädagogischen Arbeitsfeldern einzusetzen.
Im Rahmen der Dissertation habe ich exemplarisch für eine Weiterbildung, die eine Methode zum Einsatz von Klängen in pädagogischen Arbeitsfeldern vermittelt, die Klangpädagogik nach Peter Hess gewählt und in ihrer Curriculumentwicklung begleitet. Innerhalb dieser Prozessbegleitung wurden unter anderem vier Fälle aus der Praxis näher beleuchtet. Als Datengrundlage dienten die von den Teilnehmer/innen der Weiterbildung zu erstellenden Fallarbeiten. Einer dieser Fälle wird im Folgenden kurz vorgestellt, um einen ersten Einblick in die Praxis des Einsatzes von Klängen zu ermöglichen. Es handelt sich dabei um den Fall David.
Fallbeispiel David*
Ausgangssituation
David ist ein viereinhalbjähriger, schwer mehrfach behinderter, blinder Junge. Bei ihm ist das seltene Krankheitsbild der septooptischen Dysplasie diagnostiziert. David leidet unter einem Wachstumshormonmangel, Hörverarbeitungs-, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen. Zudem liegen eine zentrale Koordinationsstörung sowie eine Störung der sensorischen Integration vor. Auch im sprachlichen Bereich ist eine Entwicklungsstörung gegeben. Sein Entwicklungsstand entspricht dem eines Eineinhalbjährigen. Im Einzelnen äußert sich seine Problematik unter anderem darin, dass David noch nicht laufen kann. Er nimmt keine feste Nahrung zu sich. Zu den weiteren Symptomen zählen Kraftlosigkeit, Müdigkeit, schlaffer Muskeltonus und leichtes Übergewicht. Davids Wortschatz ist sehr gering, er kann sich jedoch seinen Eltern gut mitteilen. Im Bereich des Verhaltens ist zu erwähnen, dass David auf Durchbrechungen von Routinen oder Reizüberflutung oft aggressiv und hysterisch reagiert. Zudem leidet er aufgrund des Hormonungleichgewichts an Stimmungsschwankungen, die sich häufig in einem sehr passiven bis depressiven Verhalten äußeren. David hat auch Konzentrationsprobleme. Eine Ausnahme stellt hier Live-Musik dar - David liebt Musik und experimentiert gerne mit allen möglichen Instrumenten. Über die Musik, genauer gesagt ein Klangkonzert, das Frau B. mit David bei der Klangpädagogin besuchte und auf das er sehr positiv reagierte, kam auch die Zusammenarbeit mit der Klangpädagogin zu Stande. David wird ärztlich behandelt und ist medikamentös eingestellt. Er besucht die heilpädagogische Gruppe eines integrativen Kindergartens.
Die Eltern erhoffen sich durch die klangpädagogische Maßnahme eine Förderung seiner sprachlichen und motorischen Entwicklung sowie eine globale Verbesserung seiner Entwicklungsverzögerung (Veränderung im Essverhalten, Sozialkontakt, Lebenszufriedenheit). Die Intervention „Klangpädagogik" erfolgt in 14 Sitzungen von je etwa 30 Minuten über einen Zeitraum von 16 Wochen und findet nach den ersten vier Terminen in Davids Elternhaus statt. Im Verlauf der klangpädagogischen Sitzungen kommen verschiedene Klang-Lern-Settings sowie Klang-Lebens-Settings zum Einsatz, die sich an den jeweiligen Stundenzielen wie Beziehungsaufbau, Förderung von Kreativität, Aktivität, Konzentration, Wahrnehmung sowie Anregung der Tiefensensibilität, Stärkung der Muskelspannung oder allgemeine Sprachförderung orientieren. Das individuell auf Davids Bedürfnisse ausgerichtete Förderangebot beinhaltet unter anderem Spiele zur Wahrnehmungsförderung und zum Kommunikationsaufbau wie „Richtungshören", „Wind, Regen, Donner", „Frage - Antwort", „Namens-Spiel", Experimentieren mit Gong und Klangschalen sowie gezielte Klangmassagen zur Förderung der Sensorischen Integration. Aber auch körperorientierte Fantasiereisen und Synchronisationsübungen kommen zum Einsatz.
Zentrale Ergebnisse Am Ende der Intervention „Klangpädagogik" kann im Fall David eine Verbesserung der motorischen und sprachlichen Entwicklung sowie eine Verbesserung der allgemeinen Entwicklungsverzögerung verzeichnet werden. Insgesamt ist David ausgeglichener, aufgeschlossener, interessierter und fröhlicher. Im Einzelnen hervorzuheben ist, dass David im gezielten klangpädagogischen Umgang mit den Klangschalen und dem Gong sowie durch Klangmassagen seine Koordination und sein Körpergefühl verbessern konnte. Er kann sich inzwischen sicher und selbständig im Haus bewegen und beginnt auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Insgesamt wirkt seine Körperhaltung „aufgerichteter": Durch die nonverbale Gong-Kommunikation konnte eine Beziehung zur Klangpädagogin aufgebaut werden und David hat gelernt, ein Ich-Gefühl zu entwickeln, er kann jetzt die Frage, wie er heißt, mit „David" beantworten, was zu Beginn der Intervention nicht möglich war. Interessant scheint zudem - wenn auch eher aus medizinischer Sicht -, dass, seit David einen eigenen Gong (Durchmesser von 50 cm) bekommen hat und täglich etwa 20 Minuten darauf spielt, die Gabe der Wachstumshormone von täglich 2,5 auf 1/2 Tablette reduziert werden konnte.
Insgesamt scheint die Intervention Klangpädagogik im Fall David zu einer allgemeinen positiven Beeinflussung seiner Entwicklung geführt zu haben. Laut Aussagen seiner Eltern hat er noch nie so viele Fortschritte gemacht, wie in der Zeit der klangpädagogischen Begleitung. Beim Einsatz von Klängen in pädagogischen Arbeitsfeldern handelt es sich um Neuland, zu dem noch kaum wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen. Aufgrund der Annahmen um die Wirkung von Klängen und der verschiedenen Anwendungsfelder, wie sie in der Literatur beschrieben werden, scheint es sich hier um eine viel versprechende neue Praxis zu handeln. Dies bestärken auch die zahlreichen Erfahrungsberichte aus der Praxis. Für die Zukunft ist zu wünschen, dass dieser neue Bereich zunehmend auch von wissenschaftlicher Seite durch entsprechende Studien Anerkennung erfährt.
*der Name wurde geändert
Doktorarbeit von Dr. Christina Koller
Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2007
ISBN: 978-3-8300-2852-9
498 Seiten
Buchseite besuchen...




